Call for Papers
Asymmetrische Beziehungen
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Asymmetrische Verhältnisse
Jahrestagung des Arbeitskreises Historische Soziologie in Kooperation mit dem Deutschen Historischen Institut in Rom
Die Suche nach den Ursprüngen und Kontinuitätslinien von Herrschaft, Ressentiment, Ungleichheit und Unterdrückung steht am Anfang der Historischen Sozialwissenschaften. So koppelte Friedrich Engels (1891) die Entstehung der „Männerherrschaft“ an die „Bewahrung und Vererbung“ des Privateigentums, für Eduard Heimann (1938) verantwortete der Verfall bürgerlicher Werte den Erfolg faschistischer Agitation, während Hannah Arendt (1966) in den Irrationalitäten des Nationalismus ein zentrales Antriebsmoment des modernen Antisemitismus sah. Dieser intellektuellen Suchbewegung schloss sich Monica Prasad (2012) an, als sie die weitverbreitete Armut und Ungleichheit in den Vereinigten Staaten zum Produkt eines verborgenen „Agrar-Etatismus“ erklärte, wohingegen Michael Mann (1986) oder James C. Scott (2017) die Geschichte der Macht sogar bis in prähistorische Zeiten zurückverfolgten. Derart transepochal perspektiviert lässt sich in diese Tradition auch Geraldine Hengs (2018) Untersuchung zur Entstehung des Rassismus im mittelalterlichen Europa einordnen, ähnliches ließe sich für Studien zu Sklaverei und Kapitalismus (Berg & Hudson 2023), höfischer Gesellschaft (Elias 1969), gesellschaftlichen Naturverhältnissen (Görg 1999) oder imperialer Herrschaft (Cooper & Burbank 2010) argumentieren. Asymmetrische Beziehungen und Verhältnisse sind mithin kein randständiges Forschungsfeld, sondern bezeichnen vielleicht die verbindende Problemstellung der Historischen Sozialwissenschaften.
Die so aufgerufene Omnipräsenz von Asymmetrien zwischen Individuen und Gruppen, die sich häufig zu dauerhaften Ungleichheitsordnungen und gesellschaftlichen Hierarchien verhärten, gilt der Forschung dabei nicht als naturwüchsig, sondern als sozio-kulturell hervorgebracht und damit erklärungsbedürftig. Dabei gilt es, Asymmetrien über lange historische Zeiträume zu analysieren, gerade weil sie kontinuierlich wirken, aber zugleich situativ, vielschichtig, perspektivenabhängig und notwendigerweise umstritten sind. Während asymmetrische Beziehungen dazu neigen, soziale Dynamiken anzutreiben – etwa, wenn sie Aufstände, Revolutionen, Proteste, oder kleinteilige, unterschwellige Devianz motivieren –, zementieren asymmetrische Verhältnisse soziale Ordnung in Form von Bürokratien, Kolonialherrschaft, Patriarchat oder Oligarchien. Die wissenschaftliche Suche nach den Ursprüngen, Umbrüchen und Kontinuitätslinien von Asymmetrien kann demnach normativ, methodologisch oder sozialtheoretisch motiviert sein: Immer erwächst sie aus einem Interesse an sozialem Wandel und dem Wissen darum, dass die Dinge auch anders sein könnten als sie sind – oder waren.
Die kaum noch zu überblickende Literatur zu asymmetrischen Beziehungen und Verhältnissen lädt die Historischen Sozial- und Kulturwissenschaften sowie die Historische Soziologie dazu ein, Bilanz zu ziehen und zu erkunden, inwiefern sich die vielfältigen Dynamiken, die durch Asymmetrien bedingt sind oder auf solche hinweisen, produktiv auf den Begriff bringen lassen. Unter anderem gilt es auszuloten, inwiefern das Begriffspaar asymmetrische Beziehungen / asymmetrische Verhältnisse das Potential hat, transepochale Brücken zu schlagen und nicht zuletzt den Dialog von Sozial- und Geschichtswissenschaften zu intensivieren. Wir möchten deshalb die theoretischen, methodologischen und empirischen Herausforderungen der forschungspraktischen Auseinandersetzung mit Asymmetrien vor einem breiten, epochen- und disziplinübergreifenden Horizont debattieren. Das kann beispielsweise ausgehend von den folgenden Fragestellungen geschehen:
Die Tagung findet am 12. und 13. November 2026 am Deutschen Historischen Institut in Rom statt. Sie wird gemeinsam vom DHI und dem Arbeitskreis Historische Soziologie in der Sektion Kultursoziologie der DGS organisiert. Es besteht die Möglichkeit zur Übernahme der Reisekosten für Referent:innen, die über keine eigenen Mittel verfügen. Erwünscht sind empirisch unterfütterte Beiträge aus allen Epochen sowie Teilgebieten der historischen Sozial- und Kulturwissenschaften, der Historischen Soziologie sowie angrenzender Disziplinen.
Wir erbitten hierzu Beitragsvorschläge (max. 2000 Zeichen) bis zum 1. Juni 2026 über das Bewerbungsportal. Füllen Sie bitte nur den Abschnitt mit den persönlichen Daten aus und laden Sie Ihren Lebenslauf und Beitragsvorschlag in einem einzigen PDF im Abschnitt „Anhänge“ hoch.
Die Einladungen werden in der ersten Juliwoche versandt, eine Publikation ausgewählter Beiträge ist angedacht. Organisatorische und inhaltliche Rückfragen können an l.doepking@dhi-roma.it gerichtet werden.